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Wilde Mulde

Fluss-Auen-Ökosystem

Ein Fluss mit seinen angrenzenden Lebensräumen ist, geprägt durch die Kraft des Wassers, einem ständigen Wandel unterworfen. Der Grad der Natürlichkeit bestimmt dabei maßgeblich die Dynamik des Lebensraums.

Ist ein Fluss frei von jeglichen menschlichen Aktivitäten, bilden sich in den angrenzenden Bereichen ausgeprägte Auenwälder, Ufer verlagern sich, abgestürzte Bäume bilden Inseln aus Totholz, es entstehen neue Gewässer und alte Gewässer verlanden zu Mooren.

Jeder Lebensraum beherbergt seine ganz eigene, speziell auf die dortigen Bedingungen, angepasste Tier- und Pflanzenwelt. Auf Grund des kleinteiligen Mosaiks verschiedenster Lebensräume auf einer vergleichbar kleinen Fläche, zählen Flussökosysteme daher zu den artenreichsten Lebensräumen in Mitteleuropa. An der unteren Mulde soll dieses Lebensraummosaik nun durch verschiedene Maßnahmen im Rahmen des Projektes „Wilde Mulde“ gefördert werden. Parallal dazu  untersucht der Forschungsverbund die Wirkung der Maßnahmen im Einzelnen, aber in der Summe auch als komplexes System.

Gleit- und Prallhang

Wird ein Fluss nicht durch Steine befestigt und somit in ein statisches Flussbett gezwungen, verschieben sich, durch die mechanischen Kräfte des fließenden Wassers, stetig seine Ufer. Unebenheiten im Gewässerbett lassen das Wasser verwirbeln, es entstehen Strömungsschnellen und seichte Verlandungszonen. In Bereichen mit einer hohen Fließgeschwindigkeit nagt das Wasser förmlich am Ufer und bildet sogenannte Prallhänge. Vogelarten wie der exotisch anmutende Eisvogel und auch große Uferschwalbenkolonien finden in diesen steilen Hängen einen, vor Fressfeinden geschützten, Standort für ihre Bruthöhlen. Dem gegenüber liegen meist Bereiche mit einer niedrigen Fließgeschwindigkeit. Hier werden die vom Fluss mitgeführten Sedimente abgelagert und es bilden sich Kiesbänke an den sogenannten Gleithängen. Wie die Prallhänge beherbergen auch die Gleithänge eine speziell auf sie angepasste Tier- und Pflanzenwelt. So finden bspw. der Flussregenpfeifer und der Flussuferläufer hier ideale Lebensbedingungen.

Aus wasserwirtschaftlichen Gründen wurden unsere Flüsse jedoch überwiegend befestigt und begradigt, so dass sich die typische Ausprägung eines Flusses nur noch in Teilen oder gar nicht mehr finden lässt. Da es sich bei den an Fließgewässern lebenden Arten zumeist um hochspezialisierte Arten handelt, die den Verlust ihres Lebensraums nur selten kompensieren können, sind diese folglich häufig vom aussterben bedroht. Im Rahmen des Projektes „Wilde Mulde“ sollen nun auf einem ca. 500 m langen Abschnitt die vorhandenen Steinschüttungen entfernt werden und somit eine natürliche Uferdynamik wiederhergestellt werden.

Totholz

Im Zuge der Seitenerosion mäandrierender Flüsse können bei größeren Hochwasserereignissen im ufernahen Bereich ganze Bäume ins Wasser stürzen. Diese gestalten in der Folge als Totholz die Ufer, stabilisieren die Flusssohle oder bilden als Totholzinseln ein geschützes Brutareal für Wasservögel. Am Baum selbst entstehen durch die unterschiedlich vorherrschenden Stömungsbedingungen, z.B. strömungsberuhigte Bereiche, Wasserverwirbelungen …, zahlreiche Mikrohabitate, die wiederum Kleinstlebewesen wie Flohkrebsen  und Larven von Stein-, Köcher- und Eintagsfliegen oder auch Fischen einen Lebensraum bieten.

Im Projektgebiet lässt sich bereits vielerorts Totholz finden. Um den Strukturreichtum der Mulde weiter zu erhöhen, sollen sechs Bäume mitsamt Wurzeln und Krone in den Fluss eingebracht werden. Darüber hinaus ist es das Ziel diese Bäume wissenschaftlich zu untersuchen, um in der Folge Empfehlungen für das Einbringen von Raubäumen für ähnliche Projekte auszugeben.

Altarm

Ein weiteres Charakteristikum mäandrierender Flüsse ist die Bildung von sogenannten Altarmen und Flutrinnen. Dabei handelt es sich um ehemalige Flussbiegungen, die sich, durch die stetige Verlagerung des Flusses oder durch den Einfluss des Menschen, ganz oder teilweise von diesem trennten, aber dennoch von der Wasserstandsdynamik, sowohl ober- als auch unterirdisch, beeinflusst werden. In diesen relativ flachen, nährstoffreichen und sich schnell erwämenden Gewässern bilden sich ganz speziellen Vegetationsgemeinschaften aus, die widerum Amphibien und Insekten wie Libellen und Käfer einen Raum zum Leben und Fortpflanzen bieten.

Viele dieser Gewässer leiden allerdings darunter, dass sie von den schwankenden Wasserständen des benachbarten Flusses abgekoppelt sind, verlanden oder ganz und gar trocken fallen. Da die Flüsse in unserer Kulturlandschaft zu großen Teilen begradigt sind und sich somit auch keine neuen Altwasser bilden können, ist dieses Problem umso gravierender. Daher ist es besonders wichtig, die vorhanden Altwasser zu erhalten und gegebenenfalls zu renaturieren. Nördlich von Dessau soll im Rahmen des Projektes ein solcher, von der Mulde abgekoppelter, Seitenarm so wieder anschließen, dass bei erhöhten Wasserständen das, für diesen Lebensraum so wichtige, Wasser einströmen kann.

Auenwald

Das Wechselspiel von Hochwasser und Trockenzeiten in den Wäldern von Flussauen erklärt die Besonderheiten dieses Lebensraums, der viele daran angepasst Pflanzen- und Tierarten beheimatet. Dieser „Regenwald Deutschlands“ verdient besonderen Schutz. Im Projekt Wilde Mulde sollen 5 ha dieses vor allem aus Eichen, ulmen und Eschen bestehenden Auwalds gepflanzt werden.